Begegnungen der dritten Art: Freitag, 15 Uhr im Saarland

Soziale Kontakte beschränken sich ja hüben wie drüben oft auf Spaziergänge mit Freundinnen. (Die männliche Form ist immer mitgemeint). Und gestern hatte ich dabei ein Erlebnis der besonderen Art: Wir vier (ich als einzige Grenzgängerin aus Moselle), ja man höre und staune, vier Menschen treffen sich und gehen miteinander spazieren – und es ist nicht verboten. Nur – das mit dem Abstand halten ist nicht ganz so einfach. Dabei werde ich gefragt, wie es denn so ist mit dem Leben hinter der Grenze und den Testvorschriften. Ja, bestätige ich die Frage, wir müssen uns alle 48 Stunden testen lassen und vor allem Eltern mit Kindern, die in die Schule gefahren werden müssen, da der grenzüberschreitende Nahverkehr ausgesetzt ist, haben so ihre Probleme damit. Sie sind locker 6 Stunden die Woche mit Testterminen beschäftigt. Also ein ziemlicher Mehraufwand und ärgerlich dazu, weil die Menschen im Saarland davon ausgenommen sind und man diese Vorschriften als diskriminierend empfindet (was sie objektiv auch sind). Ich erzählte weiter, dass ich mich eben aus diesen Gründen nicht daran halte sowie ich auch versuche, alle Regeln mittlerweile meinen persönlichen Bedürfnissen anzupassen, wenn sie mir unlogisch und sinnlos oder besonders diskriminierend erscheinen. Möglicherweise hat das den Anschein, mich mit Querdenkern verwechseln zu können. Aber dem ist nicht so. Ich sehe nur nicht ein, warum ich mich an eine 30 km Grenze halten soll, wenn ich meine Mutter besuchen will, die 10 km hinter diesem Radius lebt, wohingegen die Saarländerinnen (wie gesagt, männliche Form ist mitgeint) sowieso ihre eigenen Regeln haben, die da sind: weniger PCR Tests als drüben; länger rausgehen als drüben, wo man um 18 Uhr zuhause sein muss; keine 48 Stunden Testpflicht, und so weiter…keine Masken tragen müssen direkt ab Haustür und wenn mir noch was einfällt, werd ich es ergänzen.

Von daher: seid froh ihr Saarländerinnen, ihr könnt seit März 2020 jammern auf hohem Niveau. Und im März war das Niveau noch viel höher als jetzt. Schließlich konnte man hier nicht weiter als 1 km vom Haus weg und wurde als Grenzgängerin von jetzt auf gleich seines hochherrschaftlichen saarländischen Arbeits – oder Schulplatzes verwiesen, was zu großer Aufregung und viel Ärger führte. Und wenn ich dann nun hier höre, das dürfe man alles nicht so persönlich nehmen, dann frage ich mich, wo in welchem Wolkenkuckucksheim leben meine Freundinnen eigentlich. Nehmen sie es nicht persönlich, wenn ihnen jemand, aus welchem Grund auch immer, den Stinkefinger zeigt oder Unflätigkeiten hinterher ruft? Oder nehmen sie das erst persönlich wenn es einen sexistischen Hintergrund hat oder wie darf ich das verstehen?

Was mich aber am meisten erschüttert hat, ist die Argumentation einer Freundin, dass wir schließlich in einem anderen Land leben und jetzt nun mal diese Regeln gelten und man sich daran auch zu halten habe. Wenn man schließlich als Steuerflüchtling die Vorteile wolle, müsse man die Nachteile auch in Kauf nehmen. Und das ist exakt das, was ich vielen meiner linken Freundinnen unterstelle: da ist ein Neidkomplex am Werk, der verhindert das Empfinden von Solidarität und führt zu einem Gefühl von „nun seht ihr mal, was ihr davon habt, geschieht euch recht“. Sowas von „klammheimlicher Freude“. Das hab ich schon im Frühling letzten Jahres so empfunden als mich meine linke Gruppe mit der Situation an der Grenze völlig hängen ließ, obwohl sie sich Europapolitik auf die Fahnen geschrieben hatte und nun hatte ich so den Eindruck, dass wenigstens mal ausgesprochen wird, was viele denken. Zudem die Mitspaziergängerinnen sich bei unserem Steit schön bedeckt hielten und später dann mal der Einwurf kam, dass es ja wirklich gerechter sei, wenn jede dort Steuern zahlen müsse, wo sie arbeitet.

Das waren mal wirklich, wirklich progressive linke Positionen, wie ich sie aber auch wirklich, wirklich von ehemaligen Antiimpkämpferinnen erwarten würde. Ironie off. Ein Trauerspiel. Vieles kam gar nicht zur Sprache, wie z.B das Verhältnis zur Forderung „no borders“. Statt dessen hieß es, „seid doch froh, dass es euch nicht geht, wie den Polinnen und Tschechinnen“. Ehrlich gesagt, hab ich überlegt, den Spaziergang gleich zu Beginn schon abzubrechen, als ich da wegen meiner Testpflichtignoranz abgewatscht wurde. Aber ich bin froh, dass ich dabei blieb. Es hat mir doch den Blick ins diese saarländische Denkweise ein bisschen mehr geöffnet. Umsomehr fühle ich mich heimatlos und tatsächlich als Grenzgängerin. Mal hier mal dort und nirgends so ganz, eben weil man nicht in den Vor – und Urteilen hüben wie auch drüben verhaftet bleibt. Es stellt sich eine ganz eigene Sicht der Dinge ein. Ob das wohl damit gemeint war, dass das Sein das Bewußtsein bestimme?

In diesem Sinne ein schönes Wochenende und denkt dran „no borders“ auch in Europe – ist meine Devise jedenfalls! Und hier noch eine Begegnung der dritten Art für euch.

2 Kommentare zu „Begegnungen der dritten Art: Freitag, 15 Uhr im Saarland

  1. Sehr enttäuschend, finde ich auch, wenn saarländische GrenzFreund*innen so wenig bereit sind, sich in die Lebenssituation einer GrenzGängerin hinein zu versetzen.
    Doch ich meine auch vielleicht ist jetzt ein Anfang gemacht…
    Ich finde nämlich, es ist gut, sich ehrlich auszutauschen und dadurch, wenn wirklich die Bereitschaft da ist, mal einfühlsam und wirklich verstehenwollend zuzuhören und so den eigenen Horizont zu erweitern!!!!! über die deutsche Grenze hinaus…….
    So könnte die Bereitschaft, und Offenheit, auch mal die andere Seite zu verstehen, erst eine echte freundschaftliche Haltung und Verbindung schaffen oder auch das Verhältnis und gegenseitige Verständnis zwischen den im Saarland lebenden und den Grenz Gänger*innen zu verbessern !
    Fragen ohne Vorurteile und ehrliches echtes zwischenmenschliches Interesse hilft dabei ungemein!! Statt Grenzgänger* innen zu verurteilen und grundsätzlich etwas zu unterstellen, was vielleicht gar nicht beabsichtigt ist oder wie gesagt der Versuch und die Absicht, sich auch mal in die Lage der Grenz Gängerin zu versetzen, statt stur und vielleicht auch unmenschlich auf die Befolgung der coronaRegeln wie alle48 h einen neuen Test vorzuweisen,zu pochen.
    Manchmal muss frau es erst am eigenen Leib erfahren, um zu verstehen, doch ich meine, die Bereitschaft zur Horizont Erweiterung ist entscheidend!
    Das wäre zumindest wünschenswert! Und ehrlich gesagt auch meine Auffassung von Freund*innenschaft

    Die“No borders“Forderung kann ich nur unterstützen! Auch in einer Pandemie!

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

<span>%d</span> Bloggern gefällt das: