Fluide Identittis ;)

Was für ein intelligentes und – ausgewiesenermaßen lustiges Buch wurde mir da ausgeliehen. Merci! Diese Mithu Sanyal denkt so tief differenziert, dass ich mich schrecklich unwissend fühle. Und sie schafft es, alle Glaubenssätze in allen Richtungen in Frage zu stellen. Doing gender und doing race, soziale Konstuktionen, die man immer wieder selbst bedient und herstellt und denen man sich nicht unterordnen muss – aber deren Spuren man im Leben nicht entgehen, von denen man sich aber vielleicht befreien kann. Super geschrieben. Das erste Buch, aus dem ich mir Wörter und Sätze notiere. Und nach dem Lesen bin ich jedesmal zunächst ziemlich verwirrt. Mein Ding war eigentlich die ganze Zeit, dass ich nicht verstehen konnte, warum sich Menschen Geschlechtsumwandlungen unterziehen – was ja eine Malträtur ist – und nicht einfach so sind, wie sie halt eben sind. Ein Mann ist doch auch nur ein Mensch, ebenso wie eine Frau. Ich wusste auch nie genau, was ich bin. Früher war ich von meinem Gefühl her eher ein Junge. Was muss man sein Geschlecht wechslen, wenn man eh ganz durcheinander ist. Was ändert das denn dann? Dann ist man nur in einem anderen Geschlecht durcheinander. Keine Ahnung. Also was solls. Aber ok. Ich hab es eingesehen, dass man das schon machen können soll. Von mir aus also. Ich würde mir auch gern mein Hirn umoperieren lassen…Geht aber nich. Und tatsächlich, warum soll man dann nicht seine race wechseln können….Naja, meiner Meinung nach wäre das genauso unnötig wie eine Geschlechtsumwandlung wenn man nicht so festgelegt wäre auf diese Kategorien wie race und gender, die man kaum noch in deutscher Sprache ausdrücken kann – ob das jetzt zwei oder zwanzig sind. Wobei ich nicht ermessen kann, wie sehr fremd man sich in einem Körper fühlen kann. Das kann wohl sehr wehtun. Die Frage ist aber, warum das so wehtut und ob man diese Schmerzen nicht stellvertretend dafür fühlt, nirgendwo dazuzugehören und sich wünscht, dieser Schmerz wäre beendet, wenn man zu der anderen oder überhaupt einer Kategorie gehört, die zählt. Wobei die Frage, was zählt individuell und gesellschaftlich bestimmt ist. Die Wertungen wechseln. Ebenso wie es eben bei einer Hirnoperation wäre, man wäre eine andere, nur der Schmerz wäre möglicherweise gar nicht weg. Grausame Vorstellung. So kennt man sich immerhin mit seinem Schmerz aus. Aber das ist nur ein Gedanke von mir.

Heute ist mir beim Lesen des Buches eingefallen, dass ich früher immer meine Nationalität ablegen wollte. Staatenlos wäre die einzige Alternative gewesen, hatte aber nur Nachteile und war vermessen, weil wirklich Staatenlose sowas von entrechtet sind. Eine Sauerei. Grund war damals hauptsächlich, die nationalsozialistische Schuld Deutschlands persönlich loszuwerden, vor allem, nachdem ich am Stockweiher beim Kirmesfeiern von einem französischen Mitmenschen böse geschubst wurde, weil ich Deutsche bin. Ich glaube, es war sogar der Bürgermeister. Zudem sagte er, wir sollten abhauen, hätten genug Schaden angerichtet und brauchten hier nicht auch noch zu feiern. Hab zurückgeschubst und dann hatten wir bösen Krach. Ich hab mich einfach impulsiv gewehrt, weil ich nicht dafür verantwortlich gemacht werden wollte und ich mich auch nicht verantwortlich fühlen wollte. Er war ein circa 40 Jahre älterer Mann, der wohl noch in den Kriegsjahren aufgewachsen ist und die Folgen nicht verwunden hatte, was ich damals nicht verstehen konnte. Jetzt verstehe ich, wie lange Traumata nachwirken. Im Nachhinein würde ich mich bei ihm entschuldigen. Danach aber war klar: Im Urlaub, wenn ich gefragt wurde, wo ich herkomme, sagte ich öfter, ich sei Holländerin – natürlich nur, wenn ich defintiv nicht in Holland war sondern im Süden. Heute tu ich das nicht mehr. Es fragt aber auch keiner mehr….Cool wäre, man könnte eine übernationale Identität annehmen, sowas wie people of all colours oder eine ganz regionale wie people of ostertal, gell Theo ;-))). Gute Idee von dir. Für diese Option habe ich früher immer gestimmt. Das hat aber jeder als heimatversessen missverstanden. Und Heimat, das ist ja voll eklig, ging gar nicht bei den Linken. Ich finde das immer noch blöd. Und dieses Buch, das zeigt das auch. Alle suchen Heimat, setzen sich mit ihrer Herkunft auseinander oder wir können das von mir auch anders nennen als die Suche nach Heimat, die für mich nur die Bedeutung von Zugehörigkeit hat und auch örtlich gebunden sein kann. Aber das ist mein Ding. Und das geht auch über die Familie hinaus. Meine Eltern haben hier auch nur Migrationshintergrund.

Die Urgroßeltern meiner Mutter kamen aus der Schweiz. Ok, Europa. Aber damals gab es kein Europa. Eine Tante meines Vaters ist in die USA emigriert. Um 1900. Jedenfalls ging es mir aber bei dem Regionalismusding genau darum, dass dieser Nationalismus wieder aufgelöst wird. Hat nur keiner verstanden. Das war damals auch die Zeit, in der ich Eduardo Galeons Buch „Die offenen Adern Lateinamerikas“ gelesen habe. Meine erste eindringliche Auseinandersetzung mit den anhaltenden Folgen der Entdeckung und Unterwerfung des amerikanischen Kontinents durch europäische Nationen. Es gab in den Achzigern auch zahlreiche zu dieser Zeit noch „Dritte Welt Läden“ genannte Initiativen. Eine Auseinandersetzung mit Kolonialismus hat also eine lange Vorgeschichte, die aber aus der Zivilbevölkerung und den Kirchen kam. Und in den Kirchen wurde sie irgendwie janusköpfig aufgearbeitet. Einerseits Hilfe durch Geld und andererseits Hilfe durch Unterwerfung. Tja, danke Mithu Sanyal für deine Anregungen.

Jedenfalls fand im Literaturhaus Berlin folgendes Gespräch mit Mithu Sanyal über ihr Buch statt: https://www.youtube.com/watch?v=cFz03dsu0Qg

Hier spricht sie im Deutschlandfunk über ihr neues Buch: https://www.deutschlandfunk.de/mithu-sanyals-debuetroman-identitti-von-kultureller.807.de.html?dram:article_id=492557

Und was ich noch sehr spannend fand, war diese Rede von ihr über Feminismus. Titel ist: Liebe deinen Feminismus wie dich selbst. Ihre Ideen sind sehr erfrischend und weisen in allen möglichen Facetten über begrenzendes und ausschließendes Denken hinaus, ebenso, wie sie es in ihrem Buch Identitti ausführlich und in bereichernd – humorvoller Weise tut.

https://www.zeit.de/gesundheit/zeit-doctor/2021-05/mithu-sanyal-sexualitaet-gender-identitaet-sexuelle-gewalt-sexpodcast

#Mithu

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