Fluide Identittis ;)

Was für ein intelligentes und – ausgewiesenermaßen lustiges Buch wurde mir da ausgeliehen. Merci! Diese Mithu Sanyal denkt so tief differenziert, dass ich mich schrecklich unwissend fühle. Und sie schafft es, alle Glaubenssätze in allen Richtungen in Frage zu stellen. Doing gender und doing race, soziale Konstuktionen, die man immer wieder selbst bedient und herstellt und denen man sich nicht unterordnen muss – aber deren Spuren man im Leben nicht entgehen, von denen man sich aber vielleicht befreien kann. Super geschrieben. Das erste Buch, aus dem ich mir Wörter und Sätze notiere. Und nach dem Lesen bin ich jedesmal zunächst ziemlich verwirrt. Mein Ding war eigentlich die ganze Zeit, dass ich nicht verstehen konnte, warum sich Menschen Geschlechtsumwandlungen unterziehen – was ja eine Malträtur ist – und nicht einfach so sind, wie sie halt eben sind. Ein Mann ist doch auch nur ein Mensch, ebenso wie eine Frau. Ich wusste auch nie genau, was ich bin. Früher war ich von meinem Gefühl her eher ein Junge. Was muss man sein Geschlecht wechslen, wenn man eh ganz durcheinander ist. Was ändert das denn dann? Dann ist man nur in einem anderen Geschlecht durcheinander. Keine Ahnung. Also was solls. Aber ok. Ich hab es eingesehen, dass man das schon machen können soll. Von mir aus also. Ich würde mir auch gern mein Hirn umoperieren lassen…Geht aber nich. Und tatsächlich, warum soll man dann nicht seine race wechseln können….Naja, meiner Meinung nach wäre das genauso unnötig wie eine Geschlechtsumwandlung wenn man nicht so festgelegt wäre auf diese Kategorien wie race und gender, die man kaum noch in deutscher Sprache ausdrücken kann – ob das jetzt zwei oder zwanzig sind. Wobei ich nicht ermessen kann, wie sehr fremd man sich in einem Körper fühlen kann. Das kann wohl sehr wehtun. Die Frage ist aber, warum das so wehtut und ob man diese Schmerzen nicht stellvertretend dafür fühlt, nirgendwo dazuzugehören und sich wünscht, dieser Schmerz wäre beendet, wenn man zu der anderen oder überhaupt einer Kategorie gehört, die zählt. Wobei die Frage, was zählt individuell und gesellschaftlich bestimmt ist. Die Wertungen wechseln. Ebenso wie es eben bei einer Hirnoperation wäre, man wäre eine andere, nur der Schmerz wäre möglicherweise gar nicht weg. Grausame Vorstellung. So kennt man sich immerhin mit seinem Schmerz aus. Aber das ist nur ein Gedanke von mir.

Heute ist mir beim Lesen des Buches eingefallen, dass ich früher immer meine Nationalität ablegen wollte. Staatenlos wäre die einzige Alternative gewesen, hatte aber nur Nachteile und war vermessen, weil wirklich Staatenlose sowas von entrechtet sind. Eine Sauerei. Grund war damals hauptsächlich, die nationalsozialistische Schuld Deutschlands persönlich loszuwerden, vor allem, nachdem ich am Stockweiher beim Kirmesfeiern von einem französischen Mitmenschen böse geschubst wurde, weil ich Deutsche bin. Ich glaube, es war sogar der Bürgermeister. Zudem sagte er, wir sollten abhauen, hätten genug Schaden angerichtet und brauchten hier nicht auch noch zu feiern. Hab zurückgeschubst und dann hatten wir bösen Krach. Ich hab mich einfach impulsiv gewehrt, weil ich nicht dafür verantwortlich gemacht werden wollte und ich mich auch nicht verantwortlich fühlen wollte. Er war ein circa 40 Jahre älterer Mann, der wohl noch in den Kriegsjahren aufgewachsen ist und die Folgen nicht verwunden hatte, was ich damals nicht verstehen konnte. Jetzt verstehe ich, wie lange Traumata nachwirken. Im Nachhinein würde ich mich bei ihm entschuldigen. Danach aber war klar: Im Urlaub, wenn ich gefragt wurde, wo ich herkomme, sagte ich öfter, ich sei Holländerin – natürlich nur, wenn ich defintiv nicht in Holland war sondern im Süden. Heute tu ich das nicht mehr. Es fragt aber auch keiner mehr….Cool wäre, man könnte eine übernationale Identität annehmen, sowas wie people of all colours oder eine ganz regionale wie people of ostertal, gell Theo ;-))). Gute Idee von dir. Für diese Option habe ich früher immer gestimmt. Das hat aber jeder als heimatversessen missverstanden. Und Heimat, das ist ja voll eklig, ging gar nicht bei den Linken. Ich finde das immer noch blöd. Und dieses Buch, das zeigt das auch. Alle suchen Heimat, setzen sich mit ihrer Herkunft auseinander oder wir können das von mir auch anders nennen als die Suche nach Heimat, die für mich nur die Bedeutung von Zugehörigkeit hat und auch örtlich gebunden sein kann. Aber das ist mein Ding. Und das geht auch über die Familie hinaus. Meine Eltern haben hier auch nur Migrationshintergrund.

Die Urgroßeltern meiner Mutter kamen aus der Schweiz. Ok, Europa. Aber damals gab es kein Europa. Eine Tante meines Vaters ist in die USA emigriert. Um 1900. Jedenfalls ging es mir aber bei dem Regionalismusding genau darum, dass dieser Nationalismus wieder aufgelöst wird. Hat nur keiner verstanden. Das war damals auch die Zeit, in der ich Eduardo Galeons Buch „Die offenen Adern Lateinamerikas“ gelesen habe. Meine erste eindringliche Auseinandersetzung mit den anhaltenden Folgen der Entdeckung und Unterwerfung des amerikanischen Kontinents durch europäische Nationen. Es gab in den Achzigern auch zahlreiche zu dieser Zeit noch „Dritte Welt Läden“ genannte Initiativen. Eine Auseinandersetzung mit Kolonialismus hat also eine lange Vorgeschichte, die aber aus der Zivilbevölkerung und den Kirchen kam. Und in den Kirchen wurde sie irgendwie janusköpfig aufgearbeitet. Einerseits Hilfe durch Geld und andererseits Hilfe durch Unterwerfung. Tja, danke Mithu Sanyal für deine Anregungen.

Jedenfalls fand im Literaturhaus Berlin folgendes Gespräch mit Mithu Sanyal über ihr Buch statt: https://www.youtube.com/watch?v=cFz03dsu0Qg

Hier spricht sie im Deutschlandfunk über ihr neues Buch: https://www.deutschlandfunk.de/mithu-sanyals-debuetroman-identitti-von-kultureller.807.de.html?dram:article_id=492557

Und was ich noch sehr spannend fand, war diese Rede von ihr über Feminismus. Titel ist: Liebe deinen Feminismus wie dich selbst. Ihre Ideen sind sehr erfrischend und weisen in allen möglichen Facetten über begrenzendes und ausschließendes Denken hinaus, ebenso, wie sie es in ihrem Buch Identitti ausführlich und in bereichernd – humorvoller Weise tut.

https://www.zeit.de/gesundheit/zeit-doctor/2021-05/mithu-sanyal-sexualitaet-gender-identitaet-sexuelle-gewalt-sexpodcast

#Mithu

Argentien, die Welt und Fernando Solanas

Fernando Solanas hat meine Lieblingsfilme „El Viaje, Tango, l´exilio del Gardel und Sur geschaffen. Aber nicht nur diese. Er hat sich darüber hinaus auch politisch engagiert. Ich finde sein Werk bewundernswert. Leider ist er, wie ich heute erfahren habe, letztes Jahr in Argentinien an Covid gestorben. In El Viaje aus den Achtzigern ist er erschreckend aktuell und man könnte meinen, er habe den Klimawandel vorhergesehen. Allerdings denke ich, dass die Bildsprache einen anderen Sinn hat. In seinen Filmen hat er vor allem auch politische Botschaften vermittelt. Ich habe große Achtung vor seiner Phantasie, diese Botschaften in sehr beeindruckenden Bildern zu beschreiben. Die „Tangödie“ Tangos ist auch die Verarbeitung seines eigenen Exils in Paris, was ich bisher nicht wusste. Außerdem sind die Tangotänze in diesem Film so toll anders. Es sind Choreographien, die über den Paartanz absolut hinausgehen.

Immer wieder im Mittelpunkt steht auch die Fremdheit und die Liebe, die Solidarität und die Suche. Die Filme von Solanas habe ich in den Achtzigern gesehen, und eigentlich haben sie mir die Verbindung von Privatem und Politischem überhaupt erst vorstellbar gemacht. Unsere eigene Alltäglichkeit war dafür hier in Deutschland und in unserer relativen Sicherheit zu klein. Obwohl sie auch hier Auswirkungen auf unsere Leben hatte. Nur weit weniger gefährliche. Wir mussten uns nicht wirklich entscheiden. In Argentinien war nichts mehr nur Theorie. In zahlreichen Katastrophen wurde die Haltung jedes Einzelnen sehr herausgefordert.

Die Emotionalität in Solanas Filmen war für mich ganz klar ein Aufruf, mich zu engagieren und mein Denken zu überdenken – weil man nicht anders kann, als für das einzutreten, was man fühlt und denkt, egal wo. Und eben nicht nur denkt. Vielleicht könnte das die Welt doch ein bisschen verändern? We

https://www1.wdr.de/radio/wdr3/programm/sendungen/wdr3-kulturfeature/argentinien-filmemacher-politiker-fernando-solanas-100.html

https://taz.de/!790065/

Danke für diese, mich sehr berührenden Filme

Die neue Waschmaschine

Die tolle, leuchtende, neue Waschmaschine!

Meine Freunde brauchten eine neue Waschmaschine. Nun ist sie da. Und sie erfreut meine Freundin so sehr. Erstmal ist ihre Trommel so groß, dass sie jetzt nur noch einmal statt dreimal durch den Garten oder meine Wohnung laufen muss, um im Keller die Wäschetrommel zu füllen. Und zweitens wird sie von einer hell erleuchteten Waschtrommel begrüßt, wenn die Wäsche beendet ist. Das hat sie soo geflasht, dass sie mir seit Tagen entzückt von ihrer Waschmaschine und der Waschmaschinentragödie von Stanislaw Lem berichtet. Lem habe ich auch sehr gerne gelesen, diese Geschichte kannte ich aber noch nicht. Und sie ist so super wie eigentlich alle Geschichten von Lem. Ich überlege schon, ob ich einen Lem-Neustart mache. Außerdem erzählte mir meine Freundin von den beiden konkurrierenden Waschmaschinenfirmen, von denen dann die unterlegene Firma per Werbung folgenden Slogan preisgab: „Wollen Sie, dass ihre Waschmaschine intelligenter ist als sie?“ …Aber das muss ich noch genauer beäugen . Sehr passend für die heutige Zeit. Das hat sich Lem ausgedacht vor50 Jahren und im Kommunismus. Jedenfalls hat sich meine Freundin jetzt anscheinend in ihre Waschmaschine verguckt, weil diese sie immer so liebevoll anleuchtet, wenn sie die Wäsche rausnimmt. 😉

Hier folgt der Beginn der „Waschmaschinentragödie“ von Lem und der hört sich spannend an. Hoffentlich ist meine Freundin bald fertig mit Lesen:

Stanislav Lem: Die Waschmaschienentragödie
(Aus „Sterntagebücher“, 1961)

Kurz nachdem ich von der elften Sternreise zurückgekehrt war, entbrannte zwischen zwei großen Produzenten von Waschmaschinen, Nuddlegg und Snodgrass, ein Konkurrenzkampf, dem die Presse immer mehr Raum widmete. Nuddlegg hatte wohl als erster vollautomatische Waschmaschinen auf den Markt gebracht, die nicht nur selbständig zwischen Weiß- und Buntwäsche unterscheiden konnten, nicht nur wuschen, auswrangen, trockneten, bügelten, stopften und säumten, sondern den Besitzer auch durch kunstvolle Monogramme erfreuten. Auf die Handtücher stickten sie erbauliche Sinnsprüche, etwa in der Art: Glück und Segen früh und spat schenkt Dir Nuddleggs Automat! Snodgrass reagierte, indem er Waschmaschinen anbot, die sogar Vierzeiler verfaßten, wobei sie sich ganz dem kulturellen Niveau und den ästhetischen Bedürfnissen des Käufers anpassten. Das nächste Modell von Nuddlegg stickte bereits Sonette; Snodgrass beantwortete diese Herausforderung mit einem Gerät, das während der Fernsehpausen die Konversation im Schosse der Familie nährte. Nuddlegg versuchte zunächst, diesen Coup zu torpedieren. Sicherlich kennt noch ein jeder die ganzseitige Reklamebeilage in den Zeitungen, auf denen eine spöttisch grinsende, glotzäugige Waschmaschine abgebildet war, mit den Worten: Wünschst Du, dass Deine Waschmaschine intelligenter ist als Du? Gewiss nicht! Snodgrass ignorierte diesen Appell an die niederen Instinkte der Öffentlichkeit und überraschte die Fachwelt im darauffolgenden Quartal mit einer Neuentwicklung, die waschen, wringen, bürsten, spülen, bügeln, stopfen, stricken und sprechen konnte, nebenbei die Schularbeiten der Kinder erledigte, dem Familienoberhaupt ökonomische Horoskope erteilte und selbsttätig die Freudsche Traumanalyse anstellte, indem sie im Handumdrehen Komplexe durch Gerontophagie einschließlich des Patrizids liquidierte. Nun konnte sich Nuddlegg nicht länger zurückhalten. Er warf einen Superbarden auf den Markt – eine Waschmaschine, die reimte, rezitierte, mit herrlicher Altstimme Wiegenlieder sang, Säuglinge abhielt, Hühneraugen besprach und den Damen ausgesuchte Komplimente machte. Diesen Schachzug beantwortete Snodgrass mit einer dozierenden Waschmaschine unter der Losung: Deine Waschmaschine macht aus Dir einen Einstein! Wider Erwarten ging das Modell sehr schwach: Bis Ende des Quartals fiel der Umsatz um fünfunddreißig Prozent. Snodgrass entschloß sich deshalb – alarmiert durch die Meldung seiner Informationsabteilung, dass Nuddlegg eine tanzende Waschmaschine vorbereite – zu einem wahrhaft revolutionären Schritt. Er erwarb für die Summe von 350000 Dollar die entsprechenden Rechte und konstruierte eine Waschmaschine für Junggesellen, einen Roboter emit den Formen der bekannten Sexbombe Mayne Jansfield in Platinfarbe, danach eine zweite, schwarze, nach dem Ebenbild von Phirley Mac-Phaine. Sogleich erhöhten sich die Umsätze um siebenundachtzig Prozent.
Sein Widersacher richtete unverzüglich Appelle an den Kongreß, an die öffentliche Meinung, an die Liga der Töchter der Revolution und an den Bund der Jungfrauen und der Matronen. Als er jedoch hörte, daß Snodgrass unterdessen ungerührt den Markt mit Waschmaschinen beiderlei Geschlechts überschwemmte – eine immer attraktiver und anziehender als die andere -, schickte er sich drein und konterte, indem er das individuelle Bestellsystem einführte. Er verlieh seinen Wasch- Robotern die Gesichtszüge, den Leibesumfang und die Statur, die der Kunde wünschte – man brauchte lediglich ein Foto einzusenden. Während sich die beiden Potentaten der Waschmaschinenindustrie bekämpften – wobei ihnen jedes Mittel recht war -, begannen ihre Produkte unerwartete, ja sogar schädliche Tendenzen zu zeigen. Die Waschmaschinen-Ammen waren noch lange nicht das Schlimmste, übler waren schon die Waschmaschinen, für die die Jeunesse doree sich ruinierte, Modelle, die zur Sünde verleiteten, Jugendliche depravierten und Kindern ordinäre Ausdrücke beibrachten. …

Hier ein Link zur Kurzgeschichte: https://fdokument.com/document/die-waschmaschinentragoedie-588242afd9dc1.html

Ich hingegen habe in der Nähe von Berus bei einer Wanderung im Wald eine alte Waschstelle gesehen, in der die Frauen „ihre schmutzige Wäsche wuschen und dachte mir, wie sehr anders doch alles noch vor nicht einmal 100 Jahren war. Und ich fragte mich, was sich die Frauen da so alles erzählt hatten und welche schmutzige Wäsche da dann auch noch so gewaschen wurde.

Buntspecht

Vögel sind mir bisher irgendwie entgangen. Leider! Heute habe ich nämlich zum ersten Mal in meinem Leben bewusst einen Buntspecht gesehen. Großartig. Was es für schöne Lebewesen auf dieser Erde gibt. Ich habe ihn heute morgen beobachtet, als er eine Walnuss einsammelte und dachte, er sei sowas wie ein Paradiesvogel. So schön. Meine Freunde beobachten immer schon Vögel und sind bestens unterrichtet, wer sich hier mit wem aufhält und tippten nach meiner Beschreibung auf einen Eichelhäher. Auch diese sind so schön. Wenn ich bedenke, wie lange mir diese Welt entgangen ist…Aber die sind ja auch immer soo schnell wieder weg. Jedenfalls hat der Buntspecht dann an einem Ast der Eiche rumgehämmert und meine Freundin löste das Rätsel. Also ich finde es jetzt nicht mehr komisch, wenn andere nur Oberbegriffe für Bäume und Blumen kennen. Die Welt ist echt sehr sehr vielfältig und spannend. Hier ein Link zu einem Buntspecht und einem Eichelhäher: sie sind beide wunderbar.

https://www.brodowski-fotografie.de/beobachtungen/buntspecht.html

https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/voegel/portraets/eichelhaeher/

Unn nu?

Was für ein sonderbarer erster Mai. Immerhin haben wir ihn im Garten stilecht angefangen. Wir haben uns die rote Fahne geschnappt, sind durch den Garten gehopst und haben Freight Train und dieses Lied von Danger Dan(?) gesungen. Und das hat mein Entzücken, wieder hier zu sein, nur gesteigert. 😉

Schreiben und Knipsen fehlt mir allerdings . Komisch, wenn man keinen direkten Anlass mehr hat wie Reha. Dann halt eben wieder Grenzen. Das vergeht ja nicht.

Themen darüberhinaus gäbe es schon: die neue Waschmaschine meiner Freundin, die sie an die Geschichte von Stanislaw Lem erinnert, weil sie mit ihr reden kann; meine Spülmaschine, die immer noch kaputt ist; mein mazda mx5, der auch immer noch kaputt ist; das Buch, das mir empfohlen wurde und sich um Grenzen dreht…Da steht beispielsweise drin, dass das Grundstück, das man besitzt, sich in die Erde und den Himmel fortsetzt. Bloß blöd, dass die Besitzrechte von anderen Gesetzen so eingeschränkt werden, dass man sie quasi doch nicht besitzt, diese Rechte. Wir haben heute nämlich überlegt, ob wir Elon Musk und Jeff Bezos verbieten könnten, ihre Satelliten in den Himmel zu schicken, wenn wir sie über uns nicht sehen wollen. Aber nee, die stratosphärische Grenze hebelt das aus. Dumme Sache. Darüber kann der machen wie er will. Gar nicht ok, das!

Tag 37

Last chance für neue Erkenntnisse. Habe schon alle Formalien erledigt, eben das letzte Mal hier in der schönen Wiese unter den Robinien chi eingesammelt und mir schon ein paar Abschiedsworte für morgen überlegt. Jede, die geht, wird gefragt, ob sie noch etwas sagen möchte und natürlich tun das dann auch alle. Also werden das folgende morgen früh meine letzten Worte hier sein.

Obacht, sehr hoher Optimismusfaktor. Wahrscheinlich nicht ganz angebracht 😉

Ich habe auf dem Gisinger Wanderweg folgendes gelesen: Bleiw änfach mo stehn, guck dich om, mach de Auen weit off, de Welt is doch scheen. Bis gestern habe ich hier 777 Fotos gemacht und viel Schönes entdeckt, mein Herz ♥️ an die Bäume verloren und das Frühlingssprießen. Also zumindest habe ich begonnen, die Augen weit aufzumachen. Und wünsche allen alles Gute.

Is ok, oder? Nicht geschleimt, aber zuversichtlich. Jetzt freue ich mich auch total, heimzukommen und dann werde ich am Donnerstag gleich 2 Wunschessen bekommen: Dibbelabbes bei de Mama – unser klassisches Urlaubsrückererbegrüßungsessen und Lecker Pizza in Rouhling (was mich sehr freut).

Tag 36

Im Yoga begann die Yogalehrerin, die im übrigen über 70 ist und mit Yoga ihre Hüftoperation 30 Jahre rausschieben konnte, wie sie uns erzählte, mit den alten Griechen: die Götter Chronos und Kairos wurden uns vorgestellt. Und ja, was soll ich sagen, die alten Griechen haben ja fast so viele Götter wie die Hindus. 😉 Wobei diese sehr viel phantasievoller und farbenprächtiger aussehen. Die Geschichten dazu sind aber hie wie dort spektakulär. Jedenfalls hat sie uns darauf hingewiesen, dass Chronos unerbittlich ist und wir nicht verpassen sollten, Kairos am Schopf zu packen. Tja, dääd ich jo mache. Aber Kairos nimmt immer ne andere Route. Ah ja, es gibt auch noch Äon und Kronos. Von denen hat sie aber nix erzählt. Kronos frisst seine Kinder. Ist das nun Lektion 8? Geh Kronos so lange aus dem Weg, bis du Kairos am Schopf packen konntest? 🙃 Das kann bei mir eventuell noch achthunderttausend Jahre dauern. Soviel Zeit ist nicht mehr. Aber okay, vielleicht hab ich ja Kairos am Schopf gepackt letztes Jahr, nur auf etwas verquere Weise. Könnte ja sein. Ich sag jetzt mal, war genau so!

Und eben gerade in ner Gruppe ging es darum, wie man glücklich sein kann. Das nun wieder ist eine sehr diffizile Dauerbaustelle. Da müssten wir mal Bob, den Baumeister zu Rate ziehen. Oder das Video von Onkel Willi. auf Tag 34, glaube ich, ist es verlinkt 🙂.

Die Therapeutin zitierte aber Kristin Neff und ihr Konzept des Selbstmitgefühls. Hm, ich glaube statt achtsames Selbstmitgefühl kann ich mehr mit dem Spruch in der alten Villa auf dem Monte Verita (Ascons), in der Aussteigerinnen um die Jahrhundertwende die Welt mit ihren Verrücktheiten bereicherten, anfangen. Da steht nämlich irgendwo: Wo Ich ist, soll Es werden. 🥴🤪 Für das, was dann passiert, kann ja Bob herhalten und aufräumen.

Puh, eben war es echt krass. Mir wurde von einer Mitinsassin erklärt, dass wir in einer Coronadiktatur leben, dass Bill Gates ein pädophiler Schweinehund ist, dass da Partys abgehen, bei denen Kinder getötet werden, dass Obama ein Verbrecher ist und homosexuell und seine Frau Michelle eigentlich ein Mann ist. Darüber hinaus sollte ich mich engagieren, um unsere Demokratie zu retten, weil 2 Millionen gegen 81 Millionen andere nix ausrichten könnten. Ich habe mich höflich rausgewunden mit der Bemerkung, dass alle Kämpfe erstmal von Minderheiten geführt werden. Da müsste sie durch.

Daraufhin musste ich zu meiner Lieblingsablenkung Nr.2 greifen, die mir beim Entlassungswiegen 2 kg mehr einbrachte. Aber wohl nicht nur die. 🥲

Tag 35

Gestern gab es bei der heiligen Oranna keine Kerzen mehr. Also keine Wünsche ans Universum in Gestalt Orannas. 😉 Ansonsten habe ich wieder so schöne Blicke ins Saargau genießen können. Einfach wunderbar. Die Gisinger Tour ist absolut empfehlenswert! Und ich habe den schiefsten Baum ever gesehen. Unglaublich, wie er in dieser Form so stark werden konnte. Vielleicht ist das Lektion Nr.7?

Er sieht eigentlich noch viel schepper aus, aber das ist schon auch krass schepp…

Ps: Gestern abend habe ich hier nen jungen Studenten kennengelernt und ihn gefragt, wie lange er noch bleiben würde. Er erzählte, dass er aus Lux ist und dort direkt 2 Monate genehmigt werden, dass diese jetzt bald vorbei sein werden und er am liebsten bleiben würde. Das hat mich voll erschüttert. Für ihn ist die Struktur hier eine große Erleichterung und er meinte: „das hier ist sowas zwischen Jugendknast ubd Erwachsenenferienlager“. Da musste ich dann trotz allem lachen. Aber als ich ihm heute das Buch‘Das Glück ist grau’ , in dem es um einen Esel geht – deshalb grau-, angeboten habe, hat er abgelehnt. Der Titel war ihm zu negativ. Eigentlich ist es ein sehr positives Buch, nur viel zu langatmig geschrieben für mich. Seine Definition der Rehaklinik werde ich vielleicht weiterleiten an die Chefetage😜

PPs: Was völlig Irres heute aus der Zeit: Superreiche ziehen sich in Coronazeiten vermehrt auf ihre Privatinseln zurück. Alternativ kaufen sie sich ein eigenes Arboretum mit mächtigen alten Eichen oder auch Olivenbäumen und Palmen. Diese werden an ihrem Standort ausgebuddelt, verschifft oder weiß der Geier wie, transportiert und in ihre neue Heimat versetzt. Das wird dann auch noch als CO2 Ausgleich für den Bau ihrer riesigen Villen schöngeredet 😡🙄. Jedenfalls finde ich das ziemlich bescheuert. So kommen erstens keine neuen Bäume in die Welt und zweitens kommt die Arbeit für die Umpflanzung ebenso wie der Transport noch zu dem CO2 Fußabdruck durch den Bau der Villen dazu. Wie doof ist diese Argumentation. Noch schräger geht ja fast gar nicht. Da kommt keine Logik mehr mit. Soviel zum Thema nachhaltiger Konsum. In der Zeit wird beschrieben, wie sehr die Sehnsucht nach Natur die Superreichen umtreiben würde.., der gesamte Artikel ist kritisch und stellt die Entwicklung gut begründet in Frage.

Hier das Zitat: Ein „Arboretum für Einsteiger“ mit einer Auswahl von etwa 50 großen Exemplaren startet bei 20.000 Pfund (rund 23.000 Euro). Mit den Bäumen lasse sich nicht nur ein Hingucker schaffen, berichtet der Telegraph, sondern auch das Umweltgewissen entlasten. So machten sie gleichzeitig den CO2-Ausstoß wett, den die Eigentümer beim Bau der neuen Villa verursachten. Da können die Unverpackt-Läden gleich mal einpacken .