Was Grenzen anrichten

Die Situation im Flüchtlingslager auf Lesbos ist schon lange katastrophal. Jetzt wird sie immer schlimmer: https://www.spiegel.de/politik/ausland/corona-angst-auf-lesbos-die-kinder-fragen-ob-sie-an-dem-virus-sterben-werden-a-104f11f4-6be8-4632-a504-c081a0de6f86. Das Geld, das jetzt da ist für andere Hilfen, hätte schon lange auch für die Flüchtlinge an der türkisch – griechischen Grenze da sein können. Hier weitere Details: https://wadi-online.de/2020/03/24/gastbeitrag-was-koennen-wir-fuer-lesbos-tun/

B´s Version der beiden Grenzschließungen

Ich versuche, meine Gedanken und Ängste nach einer Woche Schockstarre und Sprachlosigkeit in Worte zu fassen. Wohl wissend, dass die Gefühlslage für Aussenstehende schwer zu verstehen ist, das haben etliche Gespraeche mit Freunden gezeigt.

Wir wohnen mit unserer Familie nun seit 18 Jahren in einem kleinen lothringischen Dorf nahe Saarbrücken. Die Entscheidung für den Umzug nach Frankreich war eher einem Zufall geschuldet (Freunde haben Ihr Haus verkauft). Natürlich wurden auch die Vor- und Nachteile betrachtet (mein Lebensgefährte zahlt seine Steuer  in Deutschland, für unseren Sohn zahlen wir Schulgeld in Saarbrücken). Der grosse Garten war entscheidend und dieses schöne Gefühl Europäer zu sein,  ein sicheres Gefühl, das eine Grenzregion zur Heimat macht jenseits nationalen Denkens. Wir haben uns in diesem Europa zu Hause gefühlt. Niemals hätte ich mir diese Entwicklung vorstellen können!

Seit Sonntag fühle ich mich heimatlos!

Es geht mir nicht darum, all die notwendigen Massnahmen im Kampf gegen dieses Virus in Frage zu stellen. Ich stelle nur die Frage, wie es sein kann, dass man daraus ein nationales Problem macht???

Während mein Sohn am Freitag nicht mehr in die Schule durfte, trafen sich seine Freunde noch im Tanzkurs. Bei ihm ging man auf Abstand …ins Risikogebiet wollte keiner mehr und es gab wirklich nur ganz, ganz wenige Menschen, die noch bereit gewesen wären, mit ihm in Kontakt zu treten. Da es ja unangenehm ist, solche Dinge zu sagen, steht man plötzlich vor einer Wand des Schweigens. Können Sie sich vorstellen, wie sich das für einen 14jährigen anfühlt? War das notwendig, wenn die Schulen sowieso geschlossen wurden? Und wenn ja – ich sehe durchaus ein, dass die zu dem Zeitpunkt fragwürdige Bewertung des RKI für die gesamte Grossregion Grand Est Entscheidungen erzwungen hat – so hätte man das mit Sicherheit anders kommunizieren können! Man hätte sich Mühe geben können, zu erklären anstatt den starken Mann zu spielen und die eigenen Wähler mit einer scheinbaren Sicherheit zu beruhigen. Vernünftig betrachtet, ist mein Sohn ein weitaus kleineres Risiko als der Skifahrer von nebenan oder der Peugeot-Mitarbeiter aus Köln oder der Eisdielen-Schlangesteher in Saarbrücken. Aber wer fragt in diesen Zeiten schon nach Vernunft?

Die Ereignisse überschlugen sich und die Frage, ob er nochmal mit einem Kumpel Radfahren kann hat sich ja dann mit der Grenzschliessung eh erübrigt.  Abgeschnitten von der Welt, mit dem Gefühl, dass sie sich auf der anderen Seite einfach weiterdreht. Seit Montag darf er jetzt auch nicht mehr alleine in Frankreich Radfahren … die Ausgangssperre ist hier tatsächlich eine Ausgangssperre und das ist hart!

Die Menschen in unserem Dorf sind sehr diszipliniert. Man sieht niemand auf der Strasse, auch keine Kinder. Das Haus darf man nur noch mit ausgefülltem Formular und triftigem Grund verlassen. Keine ausgedehnten Spaziergänge zu zweit oder mit Familie!

Wenn einem in der Situation der Satz des Herrn Boullion in den Ohren klingelt: Die Franzosen sollen ruhig merken, dass wir kontrollieren! – dann ist das mehr als respektlos! Wenn in der Situation alle Grenzübergänge bis auf Goldene Bremm, Habkirchen und Ueberherrn geschlossen werden, dann ist das für mich unfassbar. All dieser Aktionismus führt zu sehr unschönen Situationen für all die Menschen, die tatsächlich mit franz. Kennzeichen über diese Grenze müssen, weil sie z.B. in einem Krankenhaus oder Pflegeheim arbeiten? Selbst von durchaus intelligenten Leuten hört man Saetze wie: Das geht ja auch nicht, dass die Franzosen uns das Klopapier wegkaufen! Wer sind denn jetzt plötzlich DIE Franzosen? Sind das die Menschen, die in normalen Zeiten dafür sorgen, dass der Einzelhandel in Saarbrücken überleben kann? Haben sich nicht nach Ankündigung härterer Massnahmen auf deutscher Seite, auch die Deutschen im Aldi ums Klopapier geprügelt?

Innerhalb eines Tages ist es legitim, mal erst an sich zu denken! Und da spielt sogar die Nationalität eine Rolle… wie befremdlich für mich!

Aber wir und wie ich hoffe, auch viele andere, vermissen das WIR, die Solidarität, die Menschlichkeit! Und es macht mich wütend zu sehen, wie wenig Enthusiasmus mittlerweile für viele hinter der Idee Europa steht. Zuerst schottet sich ganz Europa gegen die Flüchtlinge ab, dann jedes Land gegen seine Nachbarn und am Ende ein jeder … Das macht grosse Angst!

Mein Grossonkel und sein französischer Freund (fuer mich immer der Onkel Maurice) hatten nach den Erfahrungen des 2. Weltkrieges mit dem Aufbau einer Städtepartnerschaft  fuer ein andere Welt gekämpft, mein Schüleraustausch in den 80er Jahren war ein Schritt in dieses gelebte Europa. Fuer meinen Sohn haben bis vor einer Woche keine Grenzen existiert. Im Herbst hat er mit viel Spass am Schuman-Program teilgenommen. Das ist die Welt, die wir nicht verlieren möchten!

Ja, ich habe auch Angst vor dieser Pandemie und ich habe noch viel mehr Angst davor, was sie mit den Menschen macht.

Und ich habe ganz persönliche Ängste …

Darf mein Kind dann wieder nach Deutschland in die Schule?

Könnte ich mich im Notfall um meinen 82jährigen Vater kümmern, der auf der anderen Seite der Grenze lebt?

Was ist, wenn ich zum Arzt muss? Eigentlich bin ich in Deutschland krankenversichert und meine Ärzte sind alle in SB.

Email an das saarländische Ministerium und Antwort: Anlass für den Blog, der noch nicht so recht funktioniert:

An: Corona (STK) <corona@saarland.de <mailto:corona@saarland.de>>
Betreff: Corona in der Grenzregion – wo bleibt die Solidarität?

Einen schönen guten Tag,

ich wohne im Département Moselle und wir sind sprachlos, wie das
Saarland in der Grenzregion verfährt. Dieser Tage mit einem
französischen Kennzeichen im Saarland unterwegs sein zu müssen, macht
spürbar, was Rassismus heißen kann. Dies bestätigt auch der Brief von
Arsène Schmitt, dem Vorsitzenden des Grenzgängervereins, an Tobias
Hans (siehe Artikel der FAZ).

Welchen Sinn hat es, Grenzen abzuriegeln und dafür zu sorgen, dass
die Staus an den drei Grenzübergängen, die jetzt übrig sind, ewige
Wartezeiten produzieren. Die Pflegekräfte aber lässt man ebenso
passieren wie andere Arbeitenehmerinnen und Arbeitnehmer. Sie werden
wohl alle zu spät zur Arbeit kommen.

Welchen Sinn hat es, dass im Saarland immer noch Treffen von mehreren
Menschen möglich waren und sind, wohingegen hier schon Quarantäne
herrschte und dann davon auszugehen, die Grenzschließung schütze das
Saarland?
Umgekehrt ist es wohl eher der Fall.

Welchen Sinn hatte es vor allem, die RückkehrerInnen aus Tirol und
anderen betroffenen Skigebieten nicht sofort alle zu kontrollieren
oder z.B. chinsesiche Flugreisende  einfach einreisen zu lassen ohne
festzustellen, ob sie aus einem Risikogebiet kommen (auch im
Saarland), wenn man hier an den Grenzen zu einem Département, das
fast die gleichen Infektionszahlen hat wie das Saarland, die
deutsch-französische Freundschaft aufs Spiel setzt, ohne einen Nutzen
zur Coronaeindämmung daraus ziehen zu können? Auch aus dem Kreis
Heinsberg konnte jeder ungehindert ins Saarland reisen….Die Region
Grand Est besteht aus 10 großen Départements und über die Hälfte der
Fälle wurde im Elsass festgestellt, dem man im übrigen helfen muss.

Welche langfristigen Folgen wird das für die Stimmung in der
Bevölkerung haben in der viel beschworenen Großregion SaarLorLux? Was
sagt das über die Frankreichstrategie des Saarlandes eigentlich aus?

Die Europahymne mit Schulkindern einzustudieren wird uns in Zukunft
schwer fallen. Alle Menschen werden Bründer und Schwestern, davon ist
im Moment nichts zu spüren. Im Gegenteil, um mit Heine zu sprechen,
könnte ich eher sagen: „denk ich an Europa in der Nacht, bin ich um
den Schlaf gebracht“.

Da ich gelesen habe, dass das schwer betroffene Elsass komplett
allein gelassen wird von Deutschland, frage ich mich wie der
Austausch, die Unterstützung, die gegenseitigen Absprachen zwischen
Lothringen, Saarland und Frankreich organisiert sind. Meinem
Verständnis von gelebtem Europa nach müsste man sich unterstützen.
z.B. mit Material, aber auch mit Krankenhausbetten, wenn in einem
Land wesentlich mehr Kapazitäten frei sind.
Werden da die Chinesen wieder früher handeln als die Europäer?
Wie wird das gehandhabt???

Freue mich über eine Antwort.

Mit besten Grüßen



https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/coronavirus/corona-frankreich-aergert-sich-ueber-deutsche-grenzkontrolle-16681146-p2.html
https://www.youtube.com/watch?v=jF_WA9eOjTk

Antworten vom Ministerium – auch auf die Anfrage einer Freundin:

Ich gebe sie hier nicht wieder. Sie sind unterirdisch. Leute, die echte Sorgen haben und sich an die Coronastelle wenden, haben hinterher noch mehr Sorgen. So viel dazu.

Deshalb hatte ich schon keine Hoffnung mehr für die deutsch-französische Freundschaft. Danke an die Landesregierung für den Vorstoß und das Angebot grenzüberschreitender Kooperation!

Woche 2 in Ausgangssperre

Immerhin sind wir jetzt fast in der gleichen Lage wie alle anderen drumrum. Das fühlt sich schon anders an. Noch ist früher Montag. Mal sehen.

Plan für heute Abend: El Exilio de Gardel gucken. Und drüber nachdenken, ob so ein Blog doch nicht ein bisschen zu exhibitionistisch ist. Außerdem: erste Gitarreneinheit mit E. Ich kann nun „Ich und Du und Müllers Kuh“ zupfen. Und muss üben besser zu zupfen.

https://www.youtube.com/watch?v=wZ4b4gqoN44 Großartig und universell!

Nun kommen auch immer mehr Berichte über Bekannte, egal welcher Nationalität, die hier oder da wohnen und hier oder da ihre Pferde stehen haben, Angst bekamen, diese nicht mehr versorgen zu können und sich ebenso wie ich des Sonntagabends davon gestohlen haben. Das ist einer Grenzregion echt nicht angemessen.

Andere berichten von Freunden, die sich sofort nach Deutschland komplett umgemeldet haben, weil sie Angst bekamen.

Oder von Risikopatienten, die sich sehr über die Situation beunruhigten und auch ins Saarland „geflüchtet“ sind. War vollkommen unnötig, da sie sich weiterhin dort behandeln lassen können. Siehe auch der Link zur Grenzgängervereinigung auf der Startseite

Woche 1 in Ausgangssperre

Start also meiner Quarantäne ist Dienstag. Ich hatte mich mittlerweile damit abgefunden. Ich rechnete auch nicht mehr mit einer Pendlerbescheinigung, da das Kultusministerium uns ja untersagte, den Boden von Universität oder Schule zu betreten. Was dann? Schließlich kamen Tag für Tag Vorgaben für neue Bescheinigungen. Hier muss man sich selbst bescheinigen, aus welchem Grund man unterwegs ist, wenn man sich vor die Tür wagt, und bloß den Perso oder Pass nicht vergessen.

Von meinem Arbeitgeber bekam ich dann aber doch noch eine Pendlerbescheinigung, damit ich wenigstens die Dinge erledigen konnte, die mir dann Homeoffice ermöglichen. Das war dann am Freitag, dem 18.3. durch. Sehr beruhigend dann doch wieder die Grenze überqueren zu können. Man muss nun aber mittlerweile Wohnort und Arbeitsort auf der Bescheinigung vermerken und darf sich sonst nirgendwo aufhalten. Also nicht heimlich ausbüxen und FreundInnen im Bliesgau besuchen. Und was man vielleicht nicht so versteht: wenn man nicht in D arbeitet, darf man auch als Deutsche/r nur rüber, um umzuziehen, quasi als RückkehrerIn. Jedenfalls Stand der Dinge und des Wissens von uns GrenzgängerInnen jetzt.

Sonntagabend, Woche 1: Alle haben wir uns zum gemeinsamen Essen versammelt und schmieden Pläne. Da doch eine gewisse Ratlosigkeit herrscht, kommen wir auf die krudesten Ideen. Also z.B. ich schreibe einen Blog über diese ganze Misere. Da hat man schön zu tun, kann seine Gefühle und Gedanken auf dem Silbertablett servieren, was eigentlich sonst nicht so meine Art ist und kann, wie Freud das nannte, wunderbar sublimieren. Außerdem bringt mir I. jetzt Gitarrespielen bei (er ahnt noch nicht, wie schwer das für ihn werden wird). B. hackt die Steinterasse vom Moos frei und begrüßt den Stumpfsinn dabei. J. macht ständig Feuerchen im Garten, damit die Weidenbohrer aus der armen, von diesen Riesenlarven befallenen und von J. in mühevoller Arbeit entsorgten, nun von uns leider verabschiedeten Weide, verschwinden usw. I. macht jetzt nur noch zuvor genau abgesprochene, illegale Radtouren. Das Kind braucht schließlich Beschäftigung. Und wir gehen zwar ab und an spazieren, fühlen uns dann aber doch auch nicht so dolle, weil fast alle zu Hause bleiben. Lesen kann niemand von uns. Konzentrieren fällt schwer.

Man hört auch plötzlich soooo viel Musik, wenn man keine machen kann. Gerade wieder Neil Young, After the Gold Rush. „Don´t let it bring you down“. https://www.youtube.com/watch?v=F7letrMf_nE

Es folgt der Montag …

Kaum gut geschlafen, denn überhaupt geschlafen, und es kamen schon neue Nachrichten. Das Département Moselle schloss seinerseits die Grenzen. Die Nervosität stieg. Kam ich nun wohl umgekehrt nicht mehr rein? Na super. So war das nicht gedacht. Außerdem bemerkte ich ein zunehmend ungutes Gefühl so heimlich in Saarbrücken unterwegs zu sein. So illegal, so schuldbewußt, so mit der Angst vor Entdeckung meiner bösen Tat. Hinzu kam, die anderen sitzen gelassen zu haben. Hätte ich es jemals nötig, unterzutauchen, aus welchem Grund auch immer, dann müsste ich mir dringend ein paar Siklls aneignen…Jedenfalls konnte ich das Mittagessen inne City noch genießen bis mir zunehmend klarer wurde, dass das auch kein guter Zustand sein würde.

Zudem war ich plötzlich ich sicher, dass eine Ausgangssperre auch in Deutschland kommen würde, vielleicht in ein paar Tagen, sicherlich bis zum Wochenende. Und da wurde mir wieder ein bisschen klaustropobisch zumute, so wie am Sonntag. Es ist ja doch sonderbar, was die Psyche so auf Lager hat.

Am Dienstag 12 Uhr war also der Lockdown angepeilt in Frankreich. Was nun? Mit der Annahme in Deutschland auch bald eingesperrt zu sein, war es doch nun plötzlich verlockender in der eigenen Wohnung, im eigenen Haus mit einem Riesengarten noch ein bisschen Auslauf zu haben, wenn man schon nicht mehr rausdurfte. Im Zweifelsfall konnte man den Garten umgraben, wenn einen die Nervosität packte, Hecken schneiden, Gras mähen, Bäume stutzen, verbotene Feuerchen machen, grillen, illegal spazieren gehen, illegal Radfahren – was I. rettete, der einfach so tat, als dürfe man Radtouren von 80 km machen. Die Auskunft ist auch etwas unterschiedlich. Man soll sich nicht weiter als 1000 m vom Haus entfernen…

Auf jeden Fall hieß es dann Dienstag vor dem Lockdown in F wieder die Koffer packen und nach Hause fahren. Ich war mittlerweile sehr froh, dass ich meine Mutter noch besucht hatte und erwartete nichts Gutes.

Tja, und was soll ich sagen, nun sitzen wir hüben und drüben alle im gleichen Boot. Mit etwas Koordination hätte man sich die Grenzschließungen also sparen können. Oder jedenfalls hätte man sie ganz, ganz, ganz anders kommunizieren können. Die, die arbeiten müssen, wie z.B. Pflegekräfte auch Frankreich müssen ja eh weiterhin rein u.z. nach Luxemburg und nach Deutschland. Das Gesundheitssystem würde sonst in L und in D zusammenbrechen.

Da ich all dies deshalb schildere, damit vielleicht ein bisschen verständlicher wird, warum die Aktion von Herrn Bouillon nicht nur bei mir nicht so gut angekommen ist, habe ich auch eine Email ans Ministerium geschrieben. Voll der Fehlschlag. Aber dann: die gute Nachricht! Endlich rollt eine grenzübergreifende Zusammenarbeit an.

Sodann das aufregende Wochenende

Wir wurden hier doch langsam leicht nervös zu Hause ob der gesammelten Erfahrungen. Auch I., der seine Schule in SB nicht mehr besuchen durfte und infolgedessen seine Freunde nicht mehr sah, war etwas niedergeschlagen. Schließlich wußte kein Mensch, wie lange das dauern sollte. Was hieß das nun für mich? Keiner hatte eine Ahnung. Ich war ja vom Dienst befreit. Also konnte ich wohl lange auf einen Passierschein warten.

Schießlich dachte ich, es sei doch möglicherweise besser, noch vor der Grenzschließung „rüberzumachen“. Zwei Monate ohne Familie und die meisten Freundinnen und Freunde schienen mir nicht ganz so einfach durchzustehen. Wobei die auf der anderen Seite die Aufregung kaum verstehen konnten. Schließlich hatten sie alles was sie brauchten vor Ort und ihre Empathiefähigkeit soweit zu bemühen, sich vorzustellen, diese seien eben nicht da, sondern jenseits einer plötzlich wieder aktiven Grenze schien einfach zu schwierig für die meisten.

Möglicherweise so dachten wir hier, denken die SaarländerInnen auch: „Das haben die Steuerflüchtlinge nun davon. Sollen sie halt gucken wie sie klarkommen. Wollten ja hin.“ Das sind ja so ureuropäische Gedanken…

Im Laufe des Sonntags jedenfalls kamen zunehmend Nachfragen von FreundInnen über die Lage. Und ich beschloss zumindest mal einen Koffer zu packen. Dann konnte ich montags immer noch sehen, wie das umgesetzt wird. Irgendwann aber war ich alarmiert und schmiss meine Sachen in den Koffer, schnappte mir mein gerade vor kurzem von meinem Neffen abgekauftes abgeschrapptes aber großartiges Cabrio mit deutscher Nummer und fuhr nervös Richtung Grenze. Nicht ohne mich zuvor von meinen Freunden mit sehr schlechtem Gewissen und mich wie eine Verräterin fühlend, zu verabschieden. B. stürzte in die Stimmungskrise und fühlte sich wie zurückgelassen. Fast erwartete ich, dass man mich an der Grenze abfinge und zurückschickte. Wahrscheinlich Erinnerungen an frühe Erfahrungen, wenn man als vermeintliche Verdächtige für was auch immer, allerdings nur verzweifelnd zu lange wartend, vom guten Freund vergessen und dann zu Fuß die Grenze überquerend, von Grenzbeamten egal welcher Couleur gründlich gefilzt wurde. Glücklich im Exil angekommen, war ich dann erstmal erleichtert.

Die Tage vor der Grenzschließung

So ist das mit dem Leben. Es ändert sich unter Umständen sehr schnell. Nun haben wir Monate nach China gelinst und waren relativ sorglos. Uns wurde ja versichert, Corona sei wie ein Schnupfen, die Grippe sei viel schlimmer und überhaupt der Westen und insbesondere Deutschland und sein super ausgebautes Gesundheitssystem seien hervorragend gerüstet. Man konnte noch in aller Narrenruhe Fasching feiern und in den Skiurlaub. Aus dem Skiurlaub konnte man auch noch zurück. Zurzeit allerdings überschlägt sich alles hier in Europa. Wir als GrenzgängerInnen in der Großregion Saarlorlux erleben diese für alle sehr emotionale Zeit ganz speziell. Es ist etwas anderes, ob man plötzlich ein- und ausgeperrt gleichzeitig ist oder ob Grenzen nicht mehr sichtbar sind und auch nicht mehr empfunden werden. Wie trügerisch dieser Eindruck doch war. Fast 20 Jahre fahren wir hier über unsichtbare Grenzen und plötzlich – zack- da sind sie wieder. Drei kontrollierte Grenzübergänge sind zwischen dem Saarland und dem Département Moselle noch übrig…

So kam es also am 15. März zu einer für mich unerwarteten „Flucht“ ins Saarland und am 17. März wieder zurück nach Lothringen. Was hatte sich abgespielt? Grand Est, im übrigen aus 10 Départements bestehend, wurde vom Robert-Koch Institut am 12.März als Pandemierisikogebiet eingestuft. Es häuften sich die Meldungen darüber, welche Betriebe ihre ArbeitnehmerInnen aus dem Grenzgebiet nach Hause schickten. Alarmiert fragte ich bei meiner Chefin nach. Aber wir hatten bis dahin keine Anweisungen, unserer Arbeitsplatz zu verlassen. Am nächsten Tag schon änderte sich das. Ich sollte sofort nach Anruf noch die wichtigsten Dinge erledigen und die Einrichtung verlassen. Zu den wichtigsten Dingen gehörte, da ich in einer Schulbetreuung arbeite, die Grenzgängereltern anzurufen und alle darüber zu informieren, dass ihre Kinder am nächsten Tag die Einrichtung nicht mehr besuchen dürfen. Das Kultusministerium hatte ebenso beschlossen, dass deren Kinder die Schule nicht mehr besuchen dürfen. Das war der Donnerstag. So, war ich dann nun plötzlich, nachdem ich den Eltern die Hiobsbotschaften überbracht hatte, bis auf weiteres freigestellt. Aber meine KollegInnen taten mir leid. Nun war komplette Unterbesetzung angesagt. Weniger als die Hälfte aller BetreuerInnen waren noch anwesend, was mich in große Aufregung versetzte. Hätte man Donnerstag gewußt, was Freitag passiert, wäre das ganz überflüssig gewesen. Freitags wurde nämlich veröffentlicht, dass alle Schulen schließen, nachdem es an 2 Schulen im Stadtverband Coronafälle gab. In einer Schule zu arbeiten und zuzusehen, wie nach und nach die Schulen wegen Corona geschlossen werden ist auch nicht lustig. Man fragt sich, wieso gewartet wird, bis ein Fall auftritt, wo man doch weiß, wie agil Kinder sind und mit wem sie alles in Berührung kommen…Daher war ich sehr erleichert, dass endlich ein solcher Beschluss vorlag. Allerdings hätte man sich in Kenntnis seines Kommens die Verärgerung auf Seiten der Grenzgängereltern – und kinder sparen können. Und auch die Verunsicherung der Kinder, die nicht wussten, wie ihnen geschah. Jetzt mussten ja alle der Schule fern bleiben.

Donnerstags habe ich dann noch meine Mutter besucht, da ich das diffuse Gefühl hatte, dies könnte eventuell auf längere Zeit nicht mehr möglich sein. Als ich Freitag dann nach Hause fuhr und einen Zwischenstopp im Supermarkt in Wellesweiler machte, wollte mich ein Saarländer aus dem Kreis WND, der wahrscheinlich eben aus dem Skiurlaub aus St.Anton zurück war, mit Blicken erdolchen. Ich dachte mir, ich sollte vielleicht doch nicht mehr mit einem französischen Kennzeichen unterwegs sein. Und war froh darüber, dass meine MitbewohnerInnen meine Eindrücke bestätigten.

Für Freitag hatte sich Herr Bouillon dann ja überlegt, dass „Er“ der König himself, die Grenzen schließen werde. Das versetzte mich dann schon in helle Aufregung. Aber jeder versicherte mir, diese sei komplett überflüssig. Schließlich sei ich ja deutsche Staatsbürgerin und insofern dürfe ich immer einreisen…Okay, die Beruhigungspille war zunächst wirksam. Bouillon hat übrigens mit seinem Alleingang jeden noch übrigen Respekt bei mir verloren. Mit dem Europaministerium war überhaupt nichts abgestimmt und dieses hopste wohl im Dreiländereck um Schadensbegrenzung zu betreiben.

Meanwhile in der Apotheke von Grosblie angekommen, wartete ich geduldig ein Gespräch zwischen der Apothekerin und einer Kundin ab, um nach Beratung zu fragen. Die Unterhaltung drehte sich über längere Zeit, meine Geduld doch etwas strapazierend, um das unmögliche Vorgehen der saarländischen Regierung und um die Haltung der Saarländer im allgemeinen, die Arbeitsverbote, die Verbote das Unigelände zu betreten, die Verbote, die Schulen zu besuchen. Diese beiden Französinnen waren mitnichten amüsiert. Und im Anschluss wurde ich gefragt, wieso ich dieses Produkt denn nicht in D kaufe, ob die das da nicht mehr hätten…Es wurde wohl darauf angespielt, dass man selbt nicht mehr in D kaufen solle und auch bald könne.