Neuer Grenzgang: Tante Philippine goes Reha

Am Dienstag steht die Reha an. Nachdem sie schon vor einem Jahr genehmigt wurde. Dazu gleich mehr. Und um mir dort die Zeit schön vertreiben zu können, dachte ich mir, eine Zusatzseite zum Hauptblog über die Reha zu schreiben. Ob ich mit so schönen Bildern wie Onkel Willi und Zinnia dienen kann, wage ich aber zu bezweifeln. (https://onkelwilli.art.blog/2020/08/28/onkel-willi-auf-reisen https://nordwindwehen.wordpress.com)

Die Vorgeschichte ist lang, ziemlich lang. Daher hier die Kurzfassung: Ich war schon in den letzten 2 Jahren völlig überanstrengt und mit diversen Schwierigkeiten uff Schicht bedacht, die mich an den Rand meiner Belastungsgrenze brachten. Daher stellte ich schon im Januar 2020 einen Antrag auf eine Kur, in – wie sich erwiesen hat, weiser Voraussicht, dass das möglicherweise notwendig werden würde. Und ich wollte gewappnet sein. Die diversen Versuche, die Arbeitsbelastung für alle im Team zu reduzieren waren leider von null Erfolg gekrönt, so wie ich es schon die ganzen Jahre über kannte. Nun denn, die Kur wurde flugs genehmigt. Schon im März 2020 war die Zusage da und ich war sozusagen „guter Hoffnung“. Allerdings hatte die mir zugewiesene Klinik erst im September einen Platz. Das war kein Problem für mich, da mein Befinden noch relativ stabil war. Dann aber spitzte sich die Lage zu und die Reha wurde dringend. Der Stress wurde einfach zu groß und ein veritabler Nervenzusammenbruch ereilte mich. Dank einer guten Supervisorin und noch besseren Freundinnen (die männliche Form ist immer mitgemeint), ließ ich davon ab, weiterhin funktionieren zu wollen, was mir mittlerweile sowieso eher schlecht als recht gelang und meine Unzufriedenheit (auch mit mir) sehr steigerte. Also hörte ich auf die Stimmen da draußen und ging zur Ärztin. Die Krankschreibung im August entlastete mich akut. Aber ich habe nicht damit gerechnet, dass sich der Beginn der Kur bis März 2021 hinziehen würde. Dafür gab es Gründe:

Zunächst hatte die erste Klinik September anvisiert und dann auf Februar 2021 verschoben, dank langer Wartelisten durch unsere Pandemie. Das verstimmte mich und ich fragte an, ob es nicht woanders schneller einen Platz geben könnte. Die Versicherung wies mich also dankenswerterweise einer anderen Klinik zu. Bei dieser hieß es, frühestens Dezember 2020 sei Platz für mich. Aber weit gefehlt, nachdem ich im Dezember nix von der Klinik hörte, rief ich Anfang Januar dort an und man teilte mir mit, dass für Menschen, die in Frankreich wohnen, ein Aufnahmestopp verhängt wurde. Eine gute Idee wäre ja gewesen, mir ebendies auch mal mitzuteilen, zumal mir laut Angabe des Sekretariats gerade ein Brief zur Abklärung der Aufnahme zugeschickt wurde. Tsss….Leichte Koordinationsprobleme dort könnten die Ursache gewesen sein. Nu denn. Unklar war, wie lange dieser Stopp gelten sollte.

Also stellte ich den dritten Antrag, um woanders zugewiesen zu werden, da ich von einer Klinik wusste, die noch keinen Aufnahmestopp für diese besondere Spezie, nämlich im Grenzgebiet Saarlorlux lebende Grenzgängerinnen, verhängt hatte.

Große Freude als die Zusage schon nach zwei Wochen kam. Dann aber direkt hinterher die Info aus der Klinik, dass auch dort ein Aufnahmestopp galt, und zwar exakt drei Tage, bevor die Zusage bei mir eintraf. Das wusste ich zu diesem Zeitpunkt bloß nicht. Geschuldet war dies der neuen Einstufung des Départements Moselle als Virusvariantengebiet. Die Kriterien, wann eine Gegend so eingestuft wird, sind im übrigen Verschlusssache, wie ihr es in dem Post zum „Informationsfreiheitsgesetz“ (Ironie off) nachlesen könnt. Na super. Ich ergab mich daher in mein Schicksal und überlegte, wem unserer Politikerinnen ich eine Beschwerde zukommen lassen könnte. Aber mir fiel niemand ein.

Jedenfalls fühlte ich mich trotz allem: diskriminiert! Und das hier. Als europäische, weiße, gefühlt mittelalte Frau (uuuh), die auch in Europa lebt, genauer gesagt in der Grande Region SaarLorLux. Große Hühnerkacke. Das Argument, das mir letztens unterbreitet wurde, dass man es schließlich besser habe als die Polinnen und Tschechinnen will ich nicht gelten lassen. Auch wie da verfahren wird, ist eine Katastrophe, meiner Meinung nach.

Die Beschwerde blieb mir dann erspart, da sich die Klinik ein klinikeigenes Hyperkontrollsystem für aussätzige Grenzgängerinnen und Steuerflüchtlinge 😉 ausgedacht hatte: Man muss zunächst einen PCR-Test machen, der nich älter als 24 h ist. Danach folgt bei der Aufnahme der nächste PCR-Test und eine Quarantäne von 24 h. Hat man dies hinter sich, darf man in den folgenden 5 Tagen die Mahlzeiten alleine auf seinem Zimmer einnehmen und mit Maske an den Therapien teilnehmen. Dann folgt der dritte PCR-Test. Je nach Ergebnis folgt Kerker oder Freiheit. Da fällt mir gerade dieser Film ein, den wir als Kinder immer wieder mit Schaudern gesehen hatten: das indische Grabmal. Erinnert ihr euch, wie die Leprakranken versuchen, ihrem Verließ zu entkommen? Sehr schaurig und bestürzend. Tja, so ist das mit dem mäandernden Geist und dem freien Assoziieren. Es fallen einem schräge Sachen ein…

Kurz fühlte ich mich wie Arthur Dent in der Luftschleuse des Vogonenschiffes (um Längen besser als so wie die armen Leprakranken).

Besuch darf man natürlich nicht haben (aber wer kann kontrollieren, ob man nicht auf dem Wanderweg zufällig Bekannte trifft?) Infolge obiger Ideen wurde der Aufnahmestopp jedenfalls aufgehoben und ich kann mich ab nächsten Dienstag einer Kur erfreuen. Ich hab schon mal den Koffer geschnappt und mit Packen begonnen. Diesmal glücklicherweise nicht, um panisch der Grenzschließung zu entfliehen wie im März 2020 – was aber auch nach 2 Tagen erledigt war. (Diese Geschichte könnt ihr zu Anfang des Blogs lesen.)

Nach exakt einem Jahr habe ich nun also eine Möglichkeit meine ruinierten Nerven zu kurieren und eine Reha zu machen. Danke, Deutschland und wem da auch immer 😉

So, jetzt ist es gerade 18.08 Uhr und ich muss eigentlich seit exakt 8 Minuten zu Hause sein. „Eigentlich“ ist im übrigen mein diesjähriges Lieblingswort…

Um dies ab und an umgehen zu können, hab ich mir ne List einfallen lassen. Ja, von mir aus können jetzt alle laut aufschreien. Aber wisst ihr, wie das ist, wenn man sich nur von 6 bis 18 Uhr und in einem Radius von 30 km frei bewegen kann? Und das ist allemal besser als ein Radius von 1 km und Bescheinigungen, die man permanent dabei haben musste, um irgendwelche Ausnahmen zu dokumentieren. Die Situation ist trotzdem fast ätzender – für diejenigen die Grenzpendlerinnen sind – als letztes Jahr. Und ja, ich tue das, obwohl hier Virusvariantengebiet ist. Weil: hier, im Département Moselle, wird viermal mehr getestet als im Saarland. Und natürlich wäre das Saarland dann auch schon lange Variantengebiet, testete es ebenso häufig (PCR – nicht Schnellstests). Und wer die dann wo einschleppt, die Viren und die Varianten, gute Frage, nächste Frage…Das alles ist „billige mit dem Finger auf den anderen zeigen Vernebelungstaktik“, um vom eigenen Unvermögen abzulenken. Und die persönlichen Erfahrungen damit, wie andere Menschen „hinter“ der Grenze, die eigentlich nicht mehr exisitiert, damit umgehen , könnt ihr beispielhaft in dem Beitrag „Begegnungen der dritten Art…“ lesen und vielleicht empathisch mitempfinden. Leider hab ich in letzter Zeit die Erfahrung gemacht, dass Empathie im Großen und Ganzen ziemlich abgebaut wurde.

Zu meiner Freude hat mich trotz allen Widernissen heute eine gewisse Abenteuerlust überkommen und ich stelle mir vor, fünf Wochen eine Expedition in unbekannte Gebiete (Marianengraben Meeresgrund oder Nanga Parbat ;-)) und mit unbekanntem Ausgang zu machen. Spannend also. Und gottseidank bin ich nun beim nächsten Schritt heraus aus der Erschöpfung angelangt. Hurra! Einen Wunsch hätte ich noch: so schöne und witzige Meldungen aus der Kur machen zu können wie Onkel Willi und Zinnia. Das bedeutet dann nämlich auch, viele witzige oder spannende Begegnungen und Momente.

Eure Tante Philippine

Hinter dem Horizont geht´s weiter, ein neuer Tag beginnt; viel Luft nach oben, wie man sieht 😉
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